Gastbeitrag: 5 Dinge die ich früher über Stoffwindeln dachte

Jana´s Blog ‚Patschehand.de ist laut Selbstbeschreibung „der ehrliche, aber gut gelaunte Mama-Blog aus Berlin-Friedrichshain“. Ihre Beiträge sind so vielfältig wie das Mama-Leben. Und dabei einfach direkt, geradeheraus, mit ganz viel Herz und Hingabe. Ein informativer und humorvoller Bericht über ihren Stoffwindel/Windelfreieinstieg erwartet euch. Viel Spaß!

Darf ich mich kurz vorstellen? Ich bin Jana von Patschehand.de, seit rund einem Jahr Mama meines Sohnes und überzeugte (Teilzeit-)Windelfrei-Praktizierende und Stoffwicklerin. Keine Sorge – so stelle ich mich nicht jedem vor. Aber in meinem Gastbeitrag für Julias großartige Seite geht es nun mal um, klar, Stoffwindeln.

Ich muss euch an dieser Stelle etwas gestehen: Obwohl ich mir so gern den Stempel umweltfreundliche Öko-Mama verpasse, habe ich während meiner Schwangerschaft und in den ersten Lebenswochen Juniors keinen Gedanken an die Verwendung von Stoffwindeln verschwendet. Da gab es einfach ein paar Mythen in meinem Kopf, die mich ganz selbstverständlich zur Wegwerfwindel greifen ließen.

Doch wir Mütter sind ja lernfähige Wesen. Und so kann ich sagen: Nach einigen Wochen mit Wegwerfwindeln und vielen Monaten mit Stoffwindeln (als Backup und in Phasen, in denen Windelfrei mehr Windel als frei bedeutet) weiß ich es heute besser. Damit es euch nicht genauso wie mir geht und ihr aufgeklärt eure Wahl für oder gegen Stoffwindeln treffen könnt, will ich hier mal auf Grundlage meiner Erfahrungen mit den Mythen aufräumen.

patsch

Hässlich, unpraktisch, teuer, übelriechend und obendrein noch unangenehm für den Nachwuchs? Mit Stoffwindeln verband ich früher vor allem Negatives.

Mythos 1: Sie sind unpraktisch!

Es gibt wohl kaum einen Baby-Ratgeber oder ein Magazin rund um die Kleinsten, in dem es nicht ums Wickeln geht. Mit Wegwerfwindeln wohlgemerkt. Als Viel- und Gernleserin während meiner Schwangerschaft dachte ich mir immer: Das kriege ich hin. Ehrlich gesagt hatte ich schon etwas Bedenken in Bezug auf den Umweltaspekt. Doch da wurden meine Gewissensbisse ganz fix beruhigt. Überall war zu lesen: „Da Mehrwegwindeln ja gewaschen werden müssen, sind sie nicht unweltfreundlicher als die Einwegvariante.“ Puuh – bloß nicht weiter drüber nachdenken. Passt schon … Die Entscheidung für die Wegwerfwindel fiel mir noch leichter, als ich hochschwanger mit Papa Junior den „Baby-Führerschein“ (das war zu einer Zeit, in der ich noch glaubte, dass ein Kurs, welcher sich über zwei Stunden erstreckt, einen auf das vorbereiten kann, was da auf einen zukommt …) machte. Da schwärmte die Kursleiterin von den modernen Stoffwindelsystemen. Die Eltern hatten sogar die Möglichkeit, eines an einer Babypuppe zu testen. Nun war ich die Einzige die Interesse zeigte und fragte, wie das Ganze denn funktioniert. Die nette Frau, vor kurzem erstmals Oma geworden, wollte mir das System zeigen. Doch es gelang erst nach mehreren Fehlversuchen. Und das bei einer Puppe! Gefühlte 6 Teile waren in richtiger Reihenfolge und mit korrekter Falt-, Einlege- und Befestigungstechnik am Fake-Baby zu platzieren. Und schon nach 13 Minuten war die Puppe (die sich im Gegensatz zum echten Baby nicht bewegt und stets gute Laune hat) korrekt gewickelt. Ähhm ja, stimmt. Stoffwindeln sind echt total unkompliziert.

Endgültig abgeschlossen war das Thema Stoffwindel dann für mich nach der Internet-Recherche. Ich stieß auf verschiedenste Stoffwindel-Systeme, unzählige Marken und einen Haufen unklarer Begriffe. Dann gab es noch etliche Hinweise zur korrekten Pflege und zum geeigneten Spezial-Waschmittel. Nun hatte ich weder Lust, mich stundenlang ins Thema einzuarbeiten, noch auf die Aussicht von Windel-Wäschebergen, die ich nur mit teurem Spezial-Waschmittel bezwingen kann.

Meine Erfahrung: Nach etwa 12 Wochen begannen wir damit, Junior abzuhalten (wie es dazu kam und einiges mehr zum Thema erfahrt ihr in meinem Erfahrungsbericht zu Windelfrei). Nur kurze Zeit später waren wir komplett auf Stoffwindeln umgestiegen. Wie es zu diesem Sinneswandel kam? Ich stieß bei der erneuten Recherche rund ums Stoffwickeln auf tolle Blogs wie diesen hier (weitere Blog- und Webtipps von mir gibt es hier). Hier wurden verständlich die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Systeme vorgestellt und Begriffe so erklärt, dass ich sie auch unter akutem Schlafmangel im Gedächtnis behielt. Oben drauf freute ich mich über konkrete Tipps zum Waschen & Trocknen sowie Shopempfehlungen (besonders schön mit Rabattcode wie ich finde). Warum ich überhaupt die Suchmaschine bemühte? Bei mir hatte sich nach knapp drei Monaten mit Wegwerfwindel eine große Unzufriedenheit eingestellt. Gründe für den Wickel-Frust lagen unter anderem in den Müllmassen, die wir täglich produzierten, dem ständigen Einkauf von Windeln und dem Umstand, dass der Verschluss nicht mehr als zweimaliges Schließen und Öffnen verkraftet. Ein Umstand, der bei einem Baby, das stets pullerte wenn die Windel ab war nicht ganz unwichtig ist. Wer will schon saubere Windeln wegschmeißen? Den Abschied von der Wegwerfwindel haben wir nie bereut. Wir durften wunderbarerweise feststellen, dass Stoffwindeln

  • … sogar Ungeschickten beim Wickeln keine größeren Schwierigkeiten als die Einweg-Variante bereiten. Wer es ganz unkompliziert und flott mag, hat mit einer All-in-One-Windel eine Lösung, die es locker mit der Wegwerfwindel in Sachen Zeit und Aufwand aufnehmen kann.
  • … keine unbezwingbaren Wäscheberge erzeugen. Etwa zweimal wöchentlich steht eine Ladung Windelwäsche an (und ja, diese Anzahl wurde mir auch von Bekannten bestätigt, die Windelfrei nicht praktizieren). Geeignetes Waschmittel gibt es sowohl im Internet als auch güngstig in der Drogerie zu kaufen.
  • … zwar erst einmal einen Mehraufwand bei der Suche nach dem (für einen) passenden System und Modell bedeuten, dafür aber auch dem ständigen Nachkaufen der Einwegwindeln ein Ende bereiten.
  • … die perfekte Ergänzung für (Teilzeit-)Windelfrei sind. Trockene Windeln sind einfach eine feine Sache und ziehen keinerlei unerwartete Probleme nach sich (der Verschluss hält …)

Mythos 2: Sie stinken!

Noch vor einem Jahr war ich felsenfest davon überzeugt: Möchte ich wirklich fiesen Gerüchen entgehen, dann muss ich Wegwerfwindeln benutzen. Stoffwindeln müssen einfach furchtbar riechen. Jede zu erledigende Waschladung löst Streitigkeiten aus, da niemand sich diesem massivem Gestank aussetzen möchte. Heute kann ich über diesen Irrglauben nur lachen.

Meine Erfahrung: Wegwerfwindeln riechen ja bereits vor der Benutzung, nun ja, gewöhnungsbedürftig. Ich weiß gar nicht wie ich diesen Geruch beschreiben soll, da ich einfach nicht zuordnen kann. Unangenehmer wird es dann natürlich, wenn so eine Windel voll ist. Selbst Urin von vollgestillten Babys entwickelt sich bei den Einwegwindeln zu einer mittelschweren Geruchsbelästigung. Vom großen Geschäft fange ich besser gar nicht erst an. Wobei auch das noch zu toppen ist. Kennt ihr den wahren Ort des Grauens? Es ist der Windeleimer, welcher den Windeln nach einmaligem Gebrauch ein zu Hause bietet, bevor es zum Müll geht (und nein, diese irre Verschwendung in Form von überteuerten Plastikfolien, die um JEDE EINZELNE WINDEL gewickelt werden, ist keine Lösung). Auch wenn ihr das Teil häufig leert und putzt – es stinkt einfach.

Wer dem Leben als Mama oder Papa noch entgegenblickt und keine Vorstellung von dem hat, was ich da beschreibe: Wie wäre es mit einem Besuch im bekannten schwedischen Möbelhaus (wahlweise einem anderen beliebten Geschäft / Kaufhaus mit Wickelbereich)? Da gibt es neben vielen tollen Dingen auch einen Raum zum Wickeln und Stillen. Der Bereich ist wirklich gemütlich und schön. Sofern man sein Riechorgan kurz abschalten kann zumindest. Denn sobald man in die Nähe des geschlossenen (!) Windeleimers kommt, weiß man, dass die Elternschaft ein wirklich harter Job sein muss.

Und nun kommt der Fakt, der mich wirklich positiv überrascht hat: Stoffwindeln stinken nicht. Selbst dann nicht, wenn sie beschmutzt im Eimer auf ihr Rendezvous mit der Waschmaschine warten. Klar, wenn Junior sein großes Geschäft ausnahmsweise mal in der Windel erledigt hat, dann riecht man das natürlich auch. Aber man riecht eben nur das und nicht das Gemisch mit verschiedensten (teilweise bedenklichen) Stoffen. Wenn man die Ausscheidungen dann in der Toilette entsorgt hat, ist alles gut. Das nenne ich mal einen riesen Vorteil von Stoffwindeln, der mir übrigens erst so richtig nach der Beikosteinführung klar wurde … Ihr wisst, was ich meine.

Mythos 3: Sie sind teuer!

Ja, ich bin doch nicht doof! Da soll ich für eine Höschenwindel unfassbare 20 Euro bezahlen (von denen ich ja schon ein paar benötige, sofern ich nicht täglich waschen mag bzw. Windelfrei durch den Baby-Alltag komme), zusätzlich nochmal diese Summe für die benötigte Überhose hinblättern und mich dann auch noch mit der Wascherei plagen, die ja auch Zeit und Geld kostet? Nein, danke. Dann greife ich doch lieber zu Wegwerfwindeln. Denn wenn man die günstigsten nimmt und nur vier am Tag benutzt …

Meine Erfahrung: … spart man am Ende wohl trotzdem nicht (vom armen, selten gewickelten Kind bei solchen Überlegungen mal abgesehen). Stoffwindeln sind nur auf den ersten Blick teuer. Und wer keine großen Summen in Höschenwindeln, All-In-One und Co. investieren mag, kommt mit Prefolds, Waschlappen und Überhosen sehr günstig sehr weit. In meinem Beitrag „Wie viel kostet ein Baby – Eine Analyse meiner Haushaltsbuch-App“ könnt ihr übrigens genau nachlesen, inwieweit sich der Umstieg von der Einweg- zur Stoffwindel auch finanziell für uns gelohnt hat.

Es ist nicht ganz leicht, konkrete Angaben zur Ersparnis durch die Verwendung von Stoffwindeln zu machen. Auch wenn ich das im soeben verlinkten Beitrag anhand unseres Beispiels getan habe, lässt sich unser Ergebnis eben nicht einfach auf andere Familien übertragen. Zu unterschiedlich sind die Systeme und Preise, die benötigte Anzahl und Waschroutine. Jedoch geht jede Quelle, die ich bisher zum Thema Wickeln mit Stoffwindeln nutzte (und das sind wirklich einige …), von einer Ersparnis von mehreren hundert Euro für einen Zeitraum von zwei Jahren aus.

Mythos 4: Sie sind schrecklich unangenehm für Baby & Kind!

Ihr kennt sie sicher auch. Diese Spots im Fernsehen und Anzeigen in Magazinen, in denen die Hersteller der Wegwerfwindeln von ihren teuer entwickelten und an tausenden Babys und Kindern getesteten super Produkten schwärmen. „Bis zu 12 Stunden trocken“, „Extra saugfähig“ und „Kein Durchhängen“ werden neben der Weichheit und dem hohen Tragekomfort hauptsächlich beworben. Und ich glaubte, was ich seit Jahren hörte und las: Babys können nur schlafen, wenn die Windel trocken ist. Und da so eine Nacht sehr lang ist, pullern die Kleinen da sicher irre viel. Aber wer will schon ständig in der Nacht Windeln wechseln, weil der Nachwuchs sich wegen der Feuchtigkeit unwohl fühlt?

Ganz klar: Da hilft nur eine moderne Hightech- und 15-fach-patentierte-Absorber-Weltklasse-Wegwerfwindel. Stoffwindeln kommen überhaupt nicht in Frage. Denn da merken die Kleinen ja sofort, dass sie gepullert haben anhand der Nässe. Dabei ist ein trockenes Gefühl doch so wichtig! Und gut für die Haut kann so eine klitschnasse Stoffwindel, die nichts aufsaugt, auch nicht sein.

Meine Erfahrung: Oh weh. Heute bin ich davon überzeugt, dass die Wegwerfwindel viele Nachteile mit sich bringt. Einer davon ist tatsächlich auch die zunächst toll erscheinende Trockenheit. Da wären erstens die oftmals bedenklichen Inhaltsstoffe, die dieses Aufsaugen überhaupt ermöglichen. Außerdem verlieren die Kleinen in den Wegwerfwindeln das Gefühl für ihre Ausscheidungen. Sie pullern, merken allerdings erstmal nichts davon. Dann liegen sie eine Weile in ihrem Geschäft (ich hoffe immer so sehr, wenn ich die Werbung sehe, dass es nicht wirklich Eltern gibt, die ihren Nachwuchs 12 Stunden in einer Windel lassen) und durch das feuchtwarme und durch Plastik abgeschirmte Klima entstehen fiese Hautreizungen bis hin zur Windeldermatitis.

Da aber ein Hormon in der Nacht dafür sorgt, dass die Kleinen nicht im Schlaf pullern, ist das mit dem fröhlich durchschlafenden Kind durch die tolle Windel wohl nicht viel mehr als ein Werbemythos. Wenn ihr jetzt sagt: Wenn ich meinem Kind am Morgen die Windel wechsle, ist sie aber immer total voll, dann ist das wohl in einer (im Zweifel auch kurzen) Wachphase passiert. Meine Erfahrung als Windelfrei-Mama bestätigt da ganz eindeutig das, was Nicola Schmidt in ihrem großartigen Buch „Artgerecht: Das andere Baby-Buch“ schreibt.

Übrigens klappt das ja auch bei uns ab und an mal nicht mit dem Abhalten in der Nacht. In solchen Nächten (sehr selten) hat sich Junior bisher noch nie über seine feuchte Stoffwindel beschwert. Und auch die Passform unserer Favoriten ist spitze. Hautprobleme treten bei der Benutzung von Stoffwindeln wesentlich seltener auf. Wer also Sorge um das Wohlbefinden seines Kindes in Bezug auf die Verwendung von Stoffwindeln hat, sei hiermit entwarnt. Kurzum: Die Teile schaden nicht nur nicht, sie sind sogar die gesündere Alternative für Baby & Kind.

Mythos 5: Sie sind hässlich!

Abschließend komme ich zu dem Mythos, der wohl am einfachsten zu entkräften ist. Ich dachte bei Stoffwindeln vor allem an eines: Vergilbte Mulltücher. So etwas benutzen doch nur Hardcore-Ökos, denen es vollkommen egal ist, wie ihr Baby durch die Welt krabbeln muss.

Meine Erfahrung: Wer sich hier auf Stoffwindelguru.com umschaut oder einfach mal die berühmte Suchmaschine bemüht, stellt wohl (wie ich vor einiger, aber gar nicht allzu langer, Zeit) fest: Die Welt des Wickelns mit Stoff ist bunt, vielfältig und total schön anzuschauen. Tolle Designs querbeet durch viele Systeme und Marken machen eine Auswahl beim Kauf schwer (zumindest ging es mir immer so). Auch in diesem Punkt kann die Einweg-Windel definitiv nicht mithalten.

Mein Fazit:

Wenn das mal kein klarer Sieg in allen Punkten für die Stoffwindel ist. Vor einem Jahr noch hätte ich nicht geglaubt, derart überzeugt von den vielen Vorteilen des Wickelns mit Stoff zu sein. Ich war Wegwerfwindel-Mama und blendete mein schlechtes Umwelt-Gewissen einfach aus. Doch je mehr ich mich durch die steigende Unzufriedenheit und (Teilzeit-)Windelfrei mit Stoffwindeln befasste, desto deutlicher wurde mir, dass ein Umstieg viele Vorteile bringt. Papa Junior war übrigens zunächst skeptisch. Doch der Praxistest überzeugte auch ihn. Also traut euch und tut eurem Kind, der Umwelt, eurem Geldbeutel und euch selbst den Gefallen: Wickelt mit Stoff. Auf der richtigen Website zur Beratung seid ihr ja bereits 😉 .

Es grüßt aus Berlin Friedrichshain

Eure Jana von Patschehand.de

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