Natürlich Wickeln – Teil II (IV) Wollüberhosen

Im ersten Teil der Serie „Natürlich Wickeln“ ging es um das „Warum?“. Teil II bis IV sind dem „Wie?“ gewidmet. Los geht´s mit Wollüberhosen, in den Teilen III und IV wird es dann um Saugmaterial und Zubehör gehen.

(Teil I verpasst? Hier der Link)

♥ Wollüberhosen (nässeschützende, selbstreinigende Aussenschicht aus Wolle)

Wolle ist nässeschützend (wenn sie mit Lanolin gefettet wird, Anleitung hier) und selbstreinigend, was Urin und leichte Verschmutzungen angeht. Wollüberhosen brauchen immer im Kern separat Saugmaterial (zum Beispiel Mullwindeln, Prefols oder Höschenwindeln).

Waschen und Fetten

Nach dem Kauf einer Wollüberhose sollte diese gewaschen und gefettet werden, um Produktions- & Lagerungsrückstände zu entfernen und um sie nässeschützend zu machen. Wer nur circa 1-3 Wollsachen hat, wäscht praktischerweise per Hand. Die Maschinenwäsche lohnt sich vom Aufwand und Energieverbrauch her erst ab 4-5 Wollstücken und mehr. Zur Handwäsche einfach die Überhose ins Handwaschbecken geben und lauwarmes Wasser einlaufen lassen, bis die Hose gut bedeckt ist. Einen kleinen Spritzer Wollwaschmittel im Wasser vermengen und die Hose leicht im Wasser bewegen. Circa 15 Minuten im Wasser lassen, damit die Fasern ihre Rückstände freigeben können. Dann unter viel lauwarmem Wasser das Waschmittel sanft ausspülen (nicht wringen). Überhosen mit starker bzw. biologischer Färbung ‚bluten‘ beim Waschen etwas aus. In diesem Falle, etwas länger im Bad liegen lassen und wieder mit viel lauwarmem Wasser ausspülen und ausdrücken. Die Farbe aus biologisch hergestellter Wolle ist zwar unbedenklich, trotzdem sollte sie gut ausgewaschen sein, da sie auch auf die Haut abfärbt. Die Wahl des Wollwaschmittels sollte bestenfalls auf ein Öko-Waschmittel* fallen, da hier auf unnötige und umweltbelastende Zusätze verzichtet wird. Die noch nasse Überhose(n) dann gleich auf links gedreht in ein Fettbad. Eine ausführliche Anleitung zum Fetten habe ich euch hier zusammengestellt. Als Zusatztipp für Wollsnapüberhosen (mit Baumwollaussenseite): Direktes Fetten! Das heißt die angerührte milchige Flüssigkeit direkt auf den inneren Nässebereich kippen und den Rest ins Bad dazu geben. Das macht die Windel extra dicht und der Aussenstoff hat keine Fettflecken. Danach das Wasser sanft ausdrücken und die Überhose flach in ein Handtuch legen und etwas darauf ‚tanzen‘. Genauso flach darf sie dann auch an einen sonnengeschützten, luftigen und warmen Ort gelegt werden. Zu heiß schadet der Fettschicht und im schlimmsten Fall der Wolle, also nicht direkt auf der Heizung trocknen.

Achtung: Wollschlupfüberhosen verändern durch Waschen und Tragen ihre Form und Struktur, dies ist  ganz normal und positiv zu sehen. Das Bauchbündchen weitet sich und die Fasern verdichten sich (siehe Bild, Disana*: gleiches Modell und Größe):

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Links neu, rechts getragen

Verschmutzungen

Grundsätzlich gilt: Eine Pipinasse Überhose, die dicht gehalten hat, wird nicht gewaschen, sondern lediglich an der Luft getrocknet. Sie reinigt sich durch das in der Wolle enthaltene Lanolin selbständig und riecht danach auch nicht nach Urin. Falls sie doch noch riecht, sollte sie komplett entfettet (dies gelingt besonders gut in einem warmen Essigbad (Verhältnis Essig/Wasser 1:10, circa 5 Stunden) und danach wieder gewaschen und neu gefettet werden. Im Regelfall kann sie aber nach der Benutzung getrocknet und einfach wieder verwendet werden. So behandelt, kann eine Wollüberhose circa 2-3 Wochen bis zum nächsten Waschen halten!

Wenn Stuhl an die Überhose gekommen ist, diesen einfach mit etwas warmen Wasser und Ulrich natürlich Flecklöser oder Fleckenseife (lange Einwirkzeit ist sinnvoll) abbrausen und mit einer Baby-Nagelbürste auskämmen. Wenn die Fettbarierre danach zu stark beansprucht wurde, kann man die Stelle auch einfach mit Lanolin besprühen. Um die Stelle zu besprühen, einfach circa 10 ml der milchigen, selbst angerührten Lanolinflüssigkeit in eine recycelte Pumpflasche (z.B. vom leeren Gesichtstonikum) abfüllen und bei Bedarf schütteln und aufsprühen. Die Pumpflasche sollte kühl gelagert werden und vor der Benutzung einem Riechtest unterzogen werden. Bestenfalls hält die Flüssigkeit bis zum nächsten Fettturnus (also circa 2-3 Wochen). Wenn größere Bereiche betroffen sind muss man die Windel nicht komplett neu waschen und fetten sondern man kann sie auch in ein Rückfettungsbad geben und danach wie gewohnt trocknen. Ein Rückfettungsbad gelingt besonders plastikarm mit der neuen Wollwaschseife von Glückswindel (dazu mehr im vierten Artikel über Zubehör).

⇒Wenn im Alltag zu oft Stuhl an die Wollwindel kommt und der Aufwand zu hoch wird (Option Windelfrei), sollte man evtl. von Einlagen zu Höschenwindeln oder der Faltung ums Kind wechseln (Video dazu hier), da hier kein Stuhl an die Überhose kommt, sondern im Saugmaterial bleibt.

Wickeln

Es gibt drei Möglichkeiten mit Wollüberhosen zu wickeln:

  • Einlagen (empfehle ich nur für Wollsnaps)
  • Höschenwindeln (perfekt für Wollschlupf und Wollklett, teilweise auch Wollsnap)
  • Mullwindeln ums Kind wickeln (Wollschlupf, Wollklett und Wollsnaps)

Letztere Variante sei besonders bei kleinen Babys mit weichem Stuhl (Muttermilchstuhl) empfohlen. Eine Mullwindel aus Biobaumwolle (z.B. Windelzauberland), gefaltet zum „Dreieck mit Steg“ ist hier ein Alltime-Favorite (Video). Eine simple Einlage (Steg) ensteht, wenn man die Mullwindel faltet (Video). Eine Höschenwindel, wie die für Neugeborene von Windelzauberland, ist zwar etwas teurer wie eine simple Mullwindel, erspart aber das Falten und lässt sich praktisch per Snap schließen (gut für anstrengende Nächte in den ersten Lebensmonaten). Mehr zum Saugmaterial dann in Teil III der Serie ‚Natürlich Wickeln‘.

Puppe: Erhältlich bei tragepuppen.de

Generell darf aus der Wollüberhose kein Saugmaterial hervorschauen, um Nässebrücken zu vermeiden. Die Beinbündchen liegen weich an und drücken nicht ab. Die Windel sollte nicht vom Po rutschen. Wollschlupfhosen können gut auch eine Nummer größer getragen werden (gerade nachts über eine dicke Höschenwindel). Bei Problemen mit der Wollsnap, kann man das Verschließen der Windel justieren, oder das Saugmaterial an den Bedarf und die Windelgröße anpassen. Man kann bei der verkleinerten Wollsnap den Wulst auch nach oben oder unten legen und bekommt so ggf. eine schönere Passform am Oberschenkel (siehe Bilder).

Aufbewahrung und Anzahl der Wollüberhosen

Wer Wollüberhosen vorfetten und bis zur Geburt lagern möchte, kann das gerne tun, nach circa einem halben Jahr werden die Windeln durch das Lanolin allerdings meist leicht ranzig. Sie sollten generell an einem dunklen und nicht zu warmen Ort verstaut werden. Wenn das Kind die Windeln nicht mehr benötigt, sollte man sie am besten mit einem guten Schuss Wollwaschmittel waschen (entfetten ggf. noch mit Essig) und gut trocknen lassen. In beiden Fällen die Wollwindel in einem luftdichten Plastikbeutel verschließen, damit die Wolle unbeschadet lagern kann.

Wie viele?

Zur Probe kann natürlich erst einmal eine Wollüberhose angeschafft werden. Wer gut klar kommt und Spaß daran hat, kann sich zum Beispiel folgende Basisausrüstung anschaffen:

-4 Wollsnapüberhosen für tagsüber (Newborn und später Onesize)

-2 Wollschlupfüberhosen/Wollklett für nachts (siehe jeweilige Größe)

♥ Mit der Zeit merkt man, ob die ein oder andere zusätzliche Überhose den Alltag erleichtern würde.

Welche Wollüberhose darf es sein?

⇒Die folgenden Produkte werden laufend aktualisiert und fortgeführt:

Das Angebot an nässeschützenden Überhosen aus Wolle ist groß. Am besten definiert man vor dem Kauf die eigenen Prioritäten: Preis, Zertifizierung, Klett, Snaps, Schlupf, evtl. Passform falls das Baby schon da ist? Als Entscheidungshilfe sind hier einige Infos zusammengefasst.

⇒Wie schon im ersten Teil erwähnt, empfehlen und verwenden wir ausschließlich Windeln aus garantiert mulesingfreier kbT Wolle (was ist Mulesing? Infos hier).

1. Wollsnaps

Wollsnapüberhosen sind Überhosen mit Druckverschluss (kleiner Plastikanteil durch die Snaps, berühren das Kind aber nicht). Sie sind größenverstellbar und daher mitwachsend. Es gibt sie meist in zwei Größen: Newborn und Onesize. Außen bestehen sie aus (Bio-)Baumwolle (mit unterschiedlicher Elastizität) und innen sind sie mit einer dünnen, aber dichten Schicht aus Merinowolle kbT ausgekleidet. Die Außenschicht ist nicht nässeschützend, die Innenschicht aus Wolle schon, wenn sie denn gut gefettet ist (Anleitung hier). Sie sind besonders Zuhause und Nachts praktisch (Maleja). Sie können mit einer Einlage, ums Kind gewickelter Mullwindel sowie einer Höschenwindel genutzt werden (mehr dazu im dritten Teil über Saugmaterial).

Emilino

  • Einreihiges Verschlusssystem am Bauch
  • Größenverstellbar in der Leibhöhe mit Verkleinerungssnaps
  • Größen: Newborn (3-7 kg) und Onesize (7-15 kg)
  • Schmaler Schnitt, ideal für tagsüber, viel Bewegungsfreiheit
  • Passt über schmale Höschenwindeln wie die Thirsties Natural.
  • Die Beinbündchen der Emilino liegen toll am Oberschenkel und umrunden das ganze Bein.
  • Passform ist sehr variabel: Schmale wie speckige Babys
  • Handgemacht in Deutschland
  • Ab 32,95 € (Newborn)

Kaufen: Shopauffüllung nach Ankündigung bei Facebook und Instagram, Unikate jederzeit per Mail:  info@emilino.de .

Maleja

  • Zweireihiges Verschlusssystem am Bauch
  • Größenverstellbar in der Leibhöhe mit Verkleinerungssnaps
  • Größen: Newborn 3-7,5 kg, Onesize ab circa 6 kg und Onesize XL ab circa 9 Kilo
  • Breiter Schnitt, ideal für Speckbeinchen und über dicke Höschenwindeln/Nachtpakete (mehr dazu im Nachtwindelcheck)
  • Extra verdichtete Wolle sowie Verstärkung im Hauptnässebereich
  • Handgemacht in Deutschland ausschließlich aus kbA-/kbT-Stoffen
  • Ab 30,95 € (Newborn)

Kaufen: Ab 2018 wöchentliche Shopauffüllung bei maleja-bio.de (Ankündigung & Infos bei Instagram und Facebook). Wunschwollsnaps ebenfalls ab Mitte Januar 2018 wieder. Außerdem viele Maleja-Artikel bei Stoffwindelwickeln.de (exklusiver Maleja Händler).

Windelinge

  • Das Verschlusssystem ist etwas anders als gewohnt, da man keine Verkleinerungssnaps in der Leibhöhe hat, sondern eine komplette Reihe zum Umklappen an der Bauchkante
  • Größen: Newborn (Neugeborenes) und Onesize (6-15 kg)
  • Es gibt sie mit dehnbarem Außenstoff aus Baumwolljersey und nicht dehnbarem Außenstoff aus Baumwollwebware. Die dehnbare Version eignet sich gut für Höschenwindeln und/oder speckigere Kinder.
  • Dünne Windel, die kaum aufträgt
  • Handgemacht in Deutschland
  • Ab 35,00 €

Kaufen: Im Onlineshop momentan dauerhaft verfügbar.

Allerlei Windeln

  • Einreihiges Verschlusssystem am Bauch
  • Größenverstellbar in der Leibhöhe mit Verkleinerungssnaps
  • Größe: Onesize (5-15 kg)
  • Mit  Tragetuchstoff (Upcycling) aussen (sehr robust und leiert nicht aus) und innen mit Bio-Merinowolle ausgekleidet
  • Snaps und Hauptnässezone verstärkt
  • Passform für mittlere bis breite Babys
  • Auch große Mullwindeln liegen schön in der Windel (sehr dünne Windel mit viel Platz für Saugmaterial oder Höschenwindel wie die Thirsties Natural )
  • Bisher OneSize-Größe, also ca. 5 kg – 15 kg
  • Ab 38,95 €

Kaufen: Im Onlineshop von Allerlei Windeln.

Vergleichsfotos:

 

2. Wollschlupf

Wollschlupf-Überhosen bestehen aus 100% Merinoschurwolle (ohne Plastikanteil). Es sind Mehrgrössenüberhosen, das heisst über die gesamte Wickelzeit muss man sich einige Größen anschaffen. Man zieht sie, wie der Name schon sagt, wie eine Schlupfhose an. Dies kann bei besonders zappeligen Kindern manchmal anstrengend sein (in dem Fall lieber Wollklett). Super aber, als günstige und funktionelle Newborn Überhose für Tag und Nacht, circa bis zum 5. oder 6. Monat. Ab dann sind Überhosen wie die Wollsnaps sinnvoller, die weniger auftragen und mehr Freiheit lassen.
Nachts sind Wollschlupf aber ein treuer Begleiter bis zum Ende der Wickelzeit.  Natürlich müssen sie gefettet werden, um dicht zu halten (wie das geht seht ihr hier). Gestrickte Überhosen brauchen (im Gegensatz zu Walk) Zeit um zu verfilzen und damit richtig dicht zu sein. Bei einem Neugeborenen ist das aber nicht relevant, die Pipimenge ist zu gering. Generell Schlupfüberhosen immer eine Größe größer wählen, damit Höschenwindeln Platz haben. Auch wenn sie locker sitzen, halten sie dicht.

Fotos: Fee Ronja Schineis Fein Sinn.ig Fotografie (Windel: Windelzauberland Schlupf)

Windelzauberland

Puppe: Erhältlich bei tragepuppen.de

  • Aus doppelt gestrickter Wolle
  • Die Wollschlupf von Windelzauberland ist eher für schmalere Oberschenkel geeignet, wächst aber sehr lange mit
  • Erhältlich in den Größen 62/68 (Neugeborene); 74/80; 86/92
  • Perfekte Überhose für Neugeborene und schmale Kinder (siehe Reiff)
  • Hergestellt in Deutschland
  • Ab 15,90 € bei Windelzauberland

Disana

  • Aus doppelt gestrickter Wolle
  • Die Disana* Wollschlupf ist der Klassiker und bietet eine mittlere Passform (ideal für Speckbeinchen)
  • Erhältlich in fünf Größen: 62/68 (Neugeborene) 74/80; 86/92; 98/104; 110/116
  • Zuverlässige Nachtüberhose bis zum trocken werden
  • Hergestellt in Deutschland
  • Ab 13,95 € bei Baby’s Natur*

Reiff

  • Aus doppelt gestrickter Wolle
  • Die Reiff Wollschlupf ist neben Disana ein echter Klassiker und in der Passform etwas schmaler (fällt circa eine Nummer kleiner aus als Disana)
  • Liegt bei schlanken Kindern schön an, gerade bei Neugeborenen oder schmaleren Kindern vorteilhaft
  • Weicher und beweglicher Strick
  • Erhältlich in den Größen 62/68; 74/80; 86/92; 98/104
  • Hergestellt in Deutschland
  • Ab 16,90 € bei Stoffwindelnwickeln.de

Hu-Da

  • Aus doppelt gestrickter Wolle
  • Schmalere Überhose, ähnlich Windelzauberland und Reiff
  • Sehr anpassungsfähiger, weicher Strick
  • Breites Größenspektrum für die optimale Passform ab dem ersten Lebenstag bis zum Trocken werden: 50/65 (schon für kleine Neugeborene); 62/68; 74/80; 86/92; 98/104; 110/116
  • Hergestellt in Deutschland
  • Ab 16,50 € bei Allerlei Windeln

3. Wollklett

Die Disana Wollklett (100% Merino-Schurwolle, kontrolliert biologische Tierhaltung, gewalkt, Nässezone verstärkt, Plastikanteil durch den Klettverschluss) ist in vier Grössen erhältlich und fällt relativ gross aus. Wir nutzen sie nachts , sie passt über JEDE Höschenwindel (z.B. Bendel Nachtwindel)  und sie ist die kuscheligste Überhose die wir je hatten 🐻. Am Oberschenkel ist sie weit geschnitten. Sie war nach dem ersten Fetten schon 100% dicht. Die Kletts lassen sich super schnell schliessen, was bei grösseren und agilen Kindern ja ein absolutes Muss ist. Hergestellt in Deutschland. Erhältlich ab 19,50 € bei Blumenkinder.eu.

Coming soon:

Maleja Walk-Wollschlupf, von Stoffwindelnwickeln.de

Lenya Wollschlupf, von Allerlei-Windeln

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Dir gefällt unsere „Windelschnecke“? Hier kannst du sie shoppen*.

*Diese Links enhalten Affiliate Links, ich bekomme einen kleinen Prozentanteil wenn ihr über den Link tatsächlich etwas kauft. Für euch enstehen keine Mehrkosten und der Blog „Stoffwindelguru“ darf weiter für euch wachsen und Berichte schreiben! DANKE! 

Sie haben selbst einen Shop und möchten ihre Windeln aus Naturmaterialien gerne in den Bericht einbingen? Kein Problem, bitte einfach eine Mail an: stoffwindelguru@gmail.com . Dieser Artikel wird laufend aktualisiert. Die Aktualisierungen werden auf Facebook und Instagram bekannt gegeben.

Gastbeitrag: 5 Dinge die ich früher über Stoffwindeln dachte

Jana´s Blog ‚Patschehand.de ist laut Selbstbeschreibung „der ehrliche, aber gut gelaunte Mama-Blog aus Berlin-Friedrichshain“. Ihre Beiträge sind so vielfältig wie das Mama-Leben. Und dabei einfach direkt, geradeheraus, mit ganz viel Herz und Hingabe. Ein informativer und humorvoller Bericht über ihren Stoffwindel/Windelfreieinstieg erwartet euch. Viel Spaß!

Darf ich mich kurz vorstellen? Ich bin Jana von Patschehand.de, seit rund einem Jahr Mama meines Sohnes und überzeugte (Teilzeit-)Windelfrei-Praktizierende und Stoffwicklerin. Keine Sorge – so stelle ich mich nicht jedem vor. Aber in meinem Gastbeitrag für Julias großartige Seite geht es nun mal um, klar, Stoffwindeln.

Ich muss euch an dieser Stelle etwas gestehen: Obwohl ich mir so gern den Stempel umweltfreundliche Öko-Mama verpasse, habe ich während meiner Schwangerschaft und in den ersten Lebenswochen Juniors keinen Gedanken an die Verwendung von Stoffwindeln verschwendet. Da gab es einfach ein paar Mythen in meinem Kopf, die mich ganz selbstverständlich zur Wegwerfwindel greifen ließen.

Doch wir Mütter sind ja lernfähige Wesen. Und so kann ich sagen: Nach einigen Wochen mit Wegwerfwindeln und vielen Monaten mit Stoffwindeln (als Backup und in Phasen, in denen Windelfrei mehr Windel als frei bedeutet) weiß ich es heute besser. Damit es euch nicht genauso wie mir geht und ihr aufgeklärt eure Wahl für oder gegen Stoffwindeln treffen könnt, will ich hier mal auf Grundlage meiner Erfahrungen mit den Mythen aufräumen.

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Hässlich, unpraktisch, teuer, übelriechend und obendrein noch unangenehm für den Nachwuchs? Mit Stoffwindeln verband ich früher vor allem Negatives.

Mythos 1: Sie sind unpraktisch!

Es gibt wohl kaum einen Baby-Ratgeber oder ein Magazin rund um die Kleinsten, in dem es nicht ums Wickeln geht. Mit Wegwerfwindeln wohlgemerkt. Als Viel- und Gernleserin während meiner Schwangerschaft dachte ich mir immer: Das kriege ich hin. Ehrlich gesagt hatte ich schon etwas Bedenken in Bezug auf den Umweltaspekt. Doch da wurden meine Gewissensbisse ganz fix beruhigt. Überall war zu lesen: „Da Mehrwegwindeln ja gewaschen werden müssen, sind sie nicht unweltfreundlicher als die Einwegvariante.“ Puuh – bloß nicht weiter drüber nachdenken. Passt schon … Die Entscheidung für die Wegwerfwindel fiel mir noch leichter, als ich hochschwanger mit Papa Junior den „Baby-Führerschein“ (das war zu einer Zeit, in der ich noch glaubte, dass ein Kurs, welcher sich über zwei Stunden erstreckt, einen auf das vorbereiten kann, was da auf einen zukommt …) machte. Da schwärmte die Kursleiterin von den modernen Stoffwindelsystemen. Die Eltern hatten sogar die Möglichkeit, eines an einer Babypuppe zu testen. Nun war ich die Einzige die Interesse zeigte und fragte, wie das Ganze denn funktioniert. Die nette Frau, vor kurzem erstmals Oma geworden, wollte mir das System zeigen. Doch es gelang erst nach mehreren Fehlversuchen. Und das bei einer Puppe! Gefühlte 6 Teile waren in richtiger Reihenfolge und mit korrekter Falt-, Einlege- und Befestigungstechnik am Fake-Baby zu platzieren. Und schon nach 13 Minuten war die Puppe (die sich im Gegensatz zum echten Baby nicht bewegt und stets gute Laune hat) korrekt gewickelt. Ähhm ja, stimmt. Stoffwindeln sind echt total unkompliziert.

Endgültig abgeschlossen war das Thema Stoffwindel dann für mich nach der Internet-Recherche. Ich stieß auf verschiedenste Stoffwindel-Systeme, unzählige Marken und einen Haufen unklarer Begriffe. Dann gab es noch etliche Hinweise zur korrekten Pflege und zum geeigneten Spezial-Waschmittel. Nun hatte ich weder Lust, mich stundenlang ins Thema einzuarbeiten, noch auf die Aussicht von Windel-Wäschebergen, die ich nur mit teurem Spezial-Waschmittel bezwingen kann.

Meine Erfahrung: Nach etwa 12 Wochen begannen wir damit, Junior abzuhalten (wie es dazu kam und einiges mehr zum Thema erfahrt ihr in meinem Erfahrungsbericht zu Windelfrei). Nur kurze Zeit später waren wir komplett auf Stoffwindeln umgestiegen. Wie es zu diesem Sinneswandel kam? Ich stieß bei der erneuten Recherche rund ums Stoffwickeln auf tolle Blogs wie diesen hier (weitere Blog- und Webtipps von mir gibt es hier). Hier wurden verständlich die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen Systeme vorgestellt und Begriffe so erklärt, dass ich sie auch unter akutem Schlafmangel im Gedächtnis behielt. Oben drauf freute ich mich über konkrete Tipps zum Waschen & Trocknen sowie Shopempfehlungen (besonders schön mit Rabattcode wie ich finde). Warum ich überhaupt die Suchmaschine bemühte? Bei mir hatte sich nach knapp drei Monaten mit Wegwerfwindel eine große Unzufriedenheit eingestellt. Gründe für den Wickel-Frust lagen unter anderem in den Müllmassen, die wir täglich produzierten, dem ständigen Einkauf von Windeln und dem Umstand, dass der Verschluss nicht mehr als zweimaliges Schließen und Öffnen verkraftet. Ein Umstand, der bei einem Baby, das stets pullerte wenn die Windel ab war nicht ganz unwichtig ist. Wer will schon saubere Windeln wegschmeißen? Den Abschied von der Wegwerfwindel haben wir nie bereut. Wir durften wunderbarerweise feststellen, dass Stoffwindeln

  • … sogar Ungeschickten beim Wickeln keine größeren Schwierigkeiten als die Einweg-Variante bereiten. Wer es ganz unkompliziert und flott mag, hat mit einer All-in-One-Windel eine Lösung, die es locker mit der Wegwerfwindel in Sachen Zeit und Aufwand aufnehmen kann.
  • … keine unbezwingbaren Wäscheberge erzeugen. Etwa zweimal wöchentlich steht eine Ladung Windelwäsche an (und ja, diese Anzahl wurde mir auch von Bekannten bestätigt, die Windelfrei nicht praktizieren). Geeignetes Waschmittel gibt es sowohl im Internet als auch güngstig in der Drogerie zu kaufen.
  • … zwar erst einmal einen Mehraufwand bei der Suche nach dem (für einen) passenden System und Modell bedeuten, dafür aber auch dem ständigen Nachkaufen der Einwegwindeln ein Ende bereiten.
  • … die perfekte Ergänzung für (Teilzeit-)Windelfrei sind. Trockene Windeln sind einfach eine feine Sache und ziehen keinerlei unerwartete Probleme nach sich (der Verschluss hält …)

Mythos 2: Sie stinken!

Noch vor einem Jahr war ich felsenfest davon überzeugt: Möchte ich wirklich fiesen Gerüchen entgehen, dann muss ich Wegwerfwindeln benutzen. Stoffwindeln müssen einfach furchtbar riechen. Jede zu erledigende Waschladung löst Streitigkeiten aus, da niemand sich diesem massivem Gestank aussetzen möchte. Heute kann ich über diesen Irrglauben nur lachen.

Meine Erfahrung: Wegwerfwindeln riechen ja bereits vor der Benutzung, nun ja, gewöhnungsbedürftig. Ich weiß gar nicht wie ich diesen Geruch beschreiben soll, da ich einfach nicht zuordnen kann. Unangenehmer wird es dann natürlich, wenn so eine Windel voll ist. Selbst Urin von vollgestillten Babys entwickelt sich bei den Einwegwindeln zu einer mittelschweren Geruchsbelästigung. Vom großen Geschäft fange ich besser gar nicht erst an. Wobei auch das noch zu toppen ist. Kennt ihr den wahren Ort des Grauens? Es ist der Windeleimer, welcher den Windeln nach einmaligem Gebrauch ein zu Hause bietet, bevor es zum Müll geht (und nein, diese irre Verschwendung in Form von überteuerten Plastikfolien, die um JEDE EINZELNE WINDEL gewickelt werden, ist keine Lösung). Auch wenn ihr das Teil häufig leert und putzt – es stinkt einfach.

Wer dem Leben als Mama oder Papa noch entgegenblickt und keine Vorstellung von dem hat, was ich da beschreibe: Wie wäre es mit einem Besuch im bekannten schwedischen Möbelhaus (wahlweise einem anderen beliebten Geschäft / Kaufhaus mit Wickelbereich)? Da gibt es neben vielen tollen Dingen auch einen Raum zum Wickeln und Stillen. Der Bereich ist wirklich gemütlich und schön. Sofern man sein Riechorgan kurz abschalten kann zumindest. Denn sobald man in die Nähe des geschlossenen (!) Windeleimers kommt, weiß man, dass die Elternschaft ein wirklich harter Job sein muss.

Und nun kommt der Fakt, der mich wirklich positiv überrascht hat: Stoffwindeln stinken nicht. Selbst dann nicht, wenn sie beschmutzt im Eimer auf ihr Rendezvous mit der Waschmaschine warten. Klar, wenn Junior sein großes Geschäft ausnahmsweise mal in der Windel erledigt hat, dann riecht man das natürlich auch. Aber man riecht eben nur das und nicht das Gemisch mit verschiedensten (teilweise bedenklichen) Stoffen. Wenn man die Ausscheidungen dann in der Toilette entsorgt hat, ist alles gut. Das nenne ich mal einen riesen Vorteil von Stoffwindeln, der mir übrigens erst so richtig nach der Beikosteinführung klar wurde … Ihr wisst, was ich meine.

Mythos 3: Sie sind teuer!

Ja, ich bin doch nicht doof! Da soll ich für eine Höschenwindel unfassbare 20 Euro bezahlen (von denen ich ja schon ein paar benötige, sofern ich nicht täglich waschen mag bzw. Windelfrei durch den Baby-Alltag komme), zusätzlich nochmal diese Summe für die benötigte Überhose hinblättern und mich dann auch noch mit der Wascherei plagen, die ja auch Zeit und Geld kostet? Nein, danke. Dann greife ich doch lieber zu Wegwerfwindeln. Denn wenn man die günstigsten nimmt und nur vier am Tag benutzt …

Meine Erfahrung: … spart man am Ende wohl trotzdem nicht (vom armen, selten gewickelten Kind bei solchen Überlegungen mal abgesehen). Stoffwindeln sind nur auf den ersten Blick teuer. Und wer keine großen Summen in Höschenwindeln, All-In-One und Co. investieren mag, kommt mit Prefolds, Waschlappen und Überhosen sehr günstig sehr weit. In meinem Beitrag „Wie viel kostet ein Baby – Eine Analyse meiner Haushaltsbuch-App“ könnt ihr übrigens genau nachlesen, inwieweit sich der Umstieg von der Einweg- zur Stoffwindel auch finanziell für uns gelohnt hat.

Es ist nicht ganz leicht, konkrete Angaben zur Ersparnis durch die Verwendung von Stoffwindeln zu machen. Auch wenn ich das im soeben verlinkten Beitrag anhand unseres Beispiels getan habe, lässt sich unser Ergebnis eben nicht einfach auf andere Familien übertragen. Zu unterschiedlich sind die Systeme und Preise, die benötigte Anzahl und Waschroutine. Jedoch geht jede Quelle, die ich bisher zum Thema Wickeln mit Stoffwindeln nutzte (und das sind wirklich einige …), von einer Ersparnis von mehreren hundert Euro für einen Zeitraum von zwei Jahren aus.

Mythos 4: Sie sind schrecklich unangenehm für Baby & Kind!

Ihr kennt sie sicher auch. Diese Spots im Fernsehen und Anzeigen in Magazinen, in denen die Hersteller der Wegwerfwindeln von ihren teuer entwickelten und an tausenden Babys und Kindern getesteten super Produkten schwärmen. „Bis zu 12 Stunden trocken“, „Extra saugfähig“ und „Kein Durchhängen“ werden neben der Weichheit und dem hohen Tragekomfort hauptsächlich beworben. Und ich glaubte, was ich seit Jahren hörte und las: Babys können nur schlafen, wenn die Windel trocken ist. Und da so eine Nacht sehr lang ist, pullern die Kleinen da sicher irre viel. Aber wer will schon ständig in der Nacht Windeln wechseln, weil der Nachwuchs sich wegen der Feuchtigkeit unwohl fühlt?

Ganz klar: Da hilft nur eine moderne Hightech- und 15-fach-patentierte-Absorber-Weltklasse-Wegwerfwindel. Stoffwindeln kommen überhaupt nicht in Frage. Denn da merken die Kleinen ja sofort, dass sie gepullert haben anhand der Nässe. Dabei ist ein trockenes Gefühl doch so wichtig! Und gut für die Haut kann so eine klitschnasse Stoffwindel, die nichts aufsaugt, auch nicht sein.

Meine Erfahrung: Oh weh. Heute bin ich davon überzeugt, dass die Wegwerfwindel viele Nachteile mit sich bringt. Einer davon ist tatsächlich auch die zunächst toll erscheinende Trockenheit. Da wären erstens die oftmals bedenklichen Inhaltsstoffe, die dieses Aufsaugen überhaupt ermöglichen. Außerdem verlieren die Kleinen in den Wegwerfwindeln das Gefühl für ihre Ausscheidungen. Sie pullern, merken allerdings erstmal nichts davon. Dann liegen sie eine Weile in ihrem Geschäft (ich hoffe immer so sehr, wenn ich die Werbung sehe, dass es nicht wirklich Eltern gibt, die ihren Nachwuchs 12 Stunden in einer Windel lassen) und durch das feuchtwarme und durch Plastik abgeschirmte Klima entstehen fiese Hautreizungen bis hin zur Windeldermatitis.

Da aber ein Hormon in der Nacht dafür sorgt, dass die Kleinen nicht im Schlaf pullern, ist das mit dem fröhlich durchschlafenden Kind durch die tolle Windel wohl nicht viel mehr als ein Werbemythos. Wenn ihr jetzt sagt: Wenn ich meinem Kind am Morgen die Windel wechsle, ist sie aber immer total voll, dann ist das wohl in einer (im Zweifel auch kurzen) Wachphase passiert. Meine Erfahrung als Windelfrei-Mama bestätigt da ganz eindeutig das, was Nicola Schmidt in ihrem großartigen Buch „Artgerecht: Das andere Baby-Buch“ schreibt.

Übrigens klappt das ja auch bei uns ab und an mal nicht mit dem Abhalten in der Nacht. In solchen Nächten (sehr selten) hat sich Junior bisher noch nie über seine feuchte Stoffwindel beschwert. Und auch die Passform unserer Favoriten ist spitze. Hautprobleme treten bei der Benutzung von Stoffwindeln wesentlich seltener auf. Wer also Sorge um das Wohlbefinden seines Kindes in Bezug auf die Verwendung von Stoffwindeln hat, sei hiermit entwarnt. Kurzum: Die Teile schaden nicht nur nicht, sie sind sogar die gesündere Alternative für Baby & Kind.

Mythos 5: Sie sind hässlich!

Abschließend komme ich zu dem Mythos, der wohl am einfachsten zu entkräften ist. Ich dachte bei Stoffwindeln vor allem an eines: Vergilbte Mulltücher. So etwas benutzen doch nur Hardcore-Ökos, denen es vollkommen egal ist, wie ihr Baby durch die Welt krabbeln muss.

Meine Erfahrung: Wer sich hier auf Stoffwindelguru.com umschaut oder einfach mal die berühmte Suchmaschine bemüht, stellt wohl (wie ich vor einiger, aber gar nicht allzu langer, Zeit) fest: Die Welt des Wickelns mit Stoff ist bunt, vielfältig und total schön anzuschauen. Tolle Designs querbeet durch viele Systeme und Marken machen eine Auswahl beim Kauf schwer (zumindest ging es mir immer so). Auch in diesem Punkt kann die Einweg-Windel definitiv nicht mithalten.

Mein Fazit:

Wenn das mal kein klarer Sieg in allen Punkten für die Stoffwindel ist. Vor einem Jahr noch hätte ich nicht geglaubt, derart überzeugt von den vielen Vorteilen des Wickelns mit Stoff zu sein. Ich war Wegwerfwindel-Mama und blendete mein schlechtes Umwelt-Gewissen einfach aus. Doch je mehr ich mich durch die steigende Unzufriedenheit und (Teilzeit-)Windelfrei mit Stoffwindeln befasste, desto deutlicher wurde mir, dass ein Umstieg viele Vorteile bringt. Papa Junior war übrigens zunächst skeptisch. Doch der Praxistest überzeugte auch ihn. Also traut euch und tut eurem Kind, der Umwelt, eurem Geldbeutel und euch selbst den Gefallen: Wickelt mit Stoff. Auf der richtigen Website zur Beratung seid ihr ja bereits 😉 .

Es grüßt aus Berlin Friedrichshain

Eure Jana von Patschehand.de